Gedenken 2018

Am Freitag, den 9. November 2018, kamen etwa 200 Menschen nach Cannstatt an den Platz der ehemaligen Synagoge um der Opfer der Pogromnacht vor 80 Jahren zu gedenken.

Hier einige Eindrücke:

Und die Redebeiträge:

Joe Bauer:

Guten Abend meine Damen und Herren,

der 9. November, liebe Freundinnen und Freunde, ist ein Datum, das speziell in diesem Jahr in der Erinnerungskultur eine große Rolle spielt. Heute vor hundert Jahren ereignete sich die deutsche Revolution: In Stuttgart beispielsweise wurde auf eher sanftem Weg der König abgesetzt. 20 Jahre später, am 9. November 1938, griffen Deutsche ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Bürger an. Ein von den Nazis organisiertes Verbrechen, das den Völkermord, den Holocaust einleitete.

Wir müssen uns hüten, solche Kapitel unserer Geschichte aufgrund eines Jubiläumsdatums pflichtschuldig abzuhandeln. Heute Abend stehen wir mit Respekt an einem Ort, der auch ohne historisches Datum auf uns wirken sollte. Es gibt eine Psychologie von Orten. Orte erzählen uns, wer vor uns da war, was vor unserer Zeit geschehen ist – wenn die Orte entsprechend gestaltet sind. Ob an diesem Platz hier, an dem die Nazis am 9. November 1938 die Synagoge zerstörten, die Vergangenheit gegenwärtig wird, kann jede und jeder von uns nur für sich beurteilen. Dieses Gelände wurde von einer Schule gestaltet. Ich war schon einige Male hier. Nirgendwo, weder auf dem Gedenkstein noch an den Erinnerungstafeln auf dem Parkplatz, habe ich die Begriffe Nazis oderNSDAP gefunden. Auf dem Gedenkstein der Stadt von 1961 ist von „der Zeit einer gottlosen Gewaltherrschaft“ und vom „Ungeist des Hasses und der Verfolgung“ die Rede. Wer diesen Hassverbreitet, wer Millionen Menschen ermordet hat, wird nicht gesagt. Das bedeutet: Die Täter werden nicht benannt.

Wir sehen hier in Stuttgart nicht den einzigen Schauplatz von Nazi-Verbrechen, der heute ein Parkplatz ist: Autos stehen auch im Hof des Landgerichts in der Urbanstraße, wo Hunderte von Menschen mit dem Fallbeil ermordet wurden. An dieser Stelle möchte ich auch auf ein anderes, ein eher erfreuliches Kapitel Erinnerungskultur hinweisen: Im kommenden Dezember wird das Hotel Silber, die ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale, als Lern- und Erinnerungsort eröffnet. 73 Jahre nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur wird es endlich wahr – in erster Linie dank wachsamer, engagierter Bürgerinnen und Bürger, die den Abriss des Hauses verhindert und seitdem für den Lernort gekämpft haben.

Das Hotel Silber ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass wir etwas tun gegen das Vergessen, das Verdrängen und Vertuschen von Geschichte. Historiker und Pädagogen sagen: Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis wirken heute emotional am stärksten, vor allem auf junge Menschen, wo sie in ihrer unmittelbaren Umgebung anschaulich und deshalb nachvollziehbar sind.

Die Darstellung der Vergangenheit ist immer ein hochpolitischer Akt. James Baldwin hat gesagt:„Geschichte ist nicht Vergangenheit, Geschichte ist Gegenwart.“ Wir erfahren es heute täglich: DerUntergang der Nazi-Diktatur war keineswegs das Ende der Nazis. „Als alles vorbei war, ging alles weiter“, hat der Schriftsteller Jörg Fauser einmal gesagt. Dennoch reagieren immer noch viele auf dieNazi-Inhalte der Reden der Höckes und Gaulands mit der Floskel: Die haben aus der Geschichte nichts gelernt. – Doch, liebe Freundinnen und Freunde, die Rechtsextremen haben sehr wohl aus der Geschichte gelernt: Sie operieren mit denselben Propaganda-Strategien wie ihre völkischen Vorbilder.

Wir sind es, die aus der Geschichte lernen müssen – nämlich die Faschisten entschlossen und vor allem geschlossen zu bekämpfen.
Was hier an diesem Platz geschehen ist, ist ihnen bekannt Am 9. November 1938, in der Pogromnacht, wurde die Synagoge in Cannstatt zerstört. Der Stuttgarter Branddirektor hatte der Feuerwache III telefonisch den Befehl gegeben, das Gotteshaus anzuzünden. Organisierte Nazi- Trupps überfielen Tag jüdische Geschäfte, drangen in Wohnungen ein, terrorisierten jüdische Bürger, brachten sie um. In den folgenden Tagen wurden die meisten noch in Cannstatt lebenden Juden verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau und Welzheim deportiert. Der Nazi-Terror herrschte überall in der Stadt. Auch die Synagoge im Hospitalviertel wurde – unter dem Gejohle Schaulustiger –niedergebrannt.

Warum ist Geschichte Gegenwart? Ich erinnere an einen jüdischen Stuttgarter Bürger, an einen Juristen und Verwaltungsfachmann. Nicht weit von hier trägt die Brücke von Hedelfingen nach Obertürkheim seinen Namen. Es ist die Otto-Hirsch-Brücke. Sie verbindet nicht nur zwei Stadtteile –sondern politisch auch 11,6 Prozent und 13,9 Prozent AfD bei den letzten Landtagswahlen.

Ebenfalls vor 80 Jahren, im Juli 1938, fand am Genfer See die Konferenz von Evian statt. Auf Initiative des US-Präsidenten Roosevelt diskutierten Delegierte von 32 Nationen die beängstigenden Zahlen der aus Deutschland und Österreich vertriebenen Juden.

Die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, war erschreckend gering. Nur die Dominikanische Republik und Costa Rica signalisierten Hilfe.
Otto Hirsch, ein Pionier der Neckargestaltung, berichtete später als Vertreter der deutschen Judenüber diese Konferenz: „Ich hatte Lust aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind? Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt? Damals konnte ich natürlich noch gar nicht wissen, dass den Flüchtlingen, die niemand wollte, nicht nur Konzentrationslager, sondern der Tod inVernichtungslagern drohte.“ Zitatende.
Otto Hirsch wurde am 19. Juni 1941 im KZ Mauthausen ermordet. Sein Bericht von Evian erinnert uns sehr gegenwärtig an den zunehmenden Antisemitismus und den unmenschlichen Umgang mit Geflüchteten.

Geschichte ist Gegenwart – und sie lehrt uns etwas über die Zukunft. Trotz Lebensgefahr gingen und gehen Menschen in den Widerstand. Deshalb will ich zum Abschluss dieses Beitrags Mut machen für die antifaschistische Arbeit in unserem Alttag. Auch in Cannstatt, das die Nazis in Bad Cannstatt umtaufen kämpften nicht wenige Frauen und Männer gegen die Nazis. Es waren Kommunisten, Liberale, Christen. Und 1943, dies als kleine Anekdote, entdeckten NS-Schergen in Cannstatt einen der sogenannten Swing-Clubs: 17 Jungen und drei Mädchen mit schrägen Frisuren und Klamotten, die allen völkischen Wahnvorstellungen widersprachen, hörten heimlich verbotene Musik, nämlich Jazz. Zum Glück kamen sie glimpflich davon. An diese kleiner Cannstatter Geschichte erinnere in der Hoffnung, dass sich viele aufmüpfige, antifaschistische junge Menschen in unserer Stadt organisieren. Gemeinsam müssen wir den Rechten ihre Grenzen aufzeigen – um Grenzen zu öffnen für die, die bei uns Hilfe und Zuflucht suchen.

Vielen Dank.

Ulrich Kandelbach

Der Gedenkstein droben auf dem Killesberg zur Erinnerung an die Deportation der Stuttgarter Juden in die Konzentrationslager und in den Tod, nennt nicht dienationalsozialistischen Täter, sondern spricht nur von der „Zeit des Unheils“. Undnun finde ich hier auf dem Cannstatter Mahnmal zur Erinnerung an den Synagogenbrand vom 9. November 1938 dieselbe beschämende Feigheit, dieTäter nicht beim Namen zu nennen. Hier wird nur von der „Zeit einer gottlosen Gewaltherrschaft“ gesprochen. Beides geschah in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber dieser Ungeist der Verharmlosung solch menschenverachtender Täter hält bis heute an, wenn der 12-jährige Naziterror als Vogelschiss bezeichnet wird.

Aber ich bin nicht hier, um anderen Vorhaltungen zu machen. Ich bin hierher als evangelischer Pfarrer eingeladen und möchte deshalb vor der eigenen Tür kehren. Auf dem Weg hierher kam ich an der Martinskirche vorbei. Dort prangt unübersehbar neben dem Eingang eine in Eisen gegossene Tafel mit der Inschrift:„Zur Erinnerung – zum Gedenken – zur Mahnung – An dieser Kirche vorbei wurden zahllose, vor allem jüdische Opfer des nationalsozialistischen Unrechtregimes zu den Bahngleisen des Nordbahnhofs geführt und in Elend und Tod geschickt. – Unter den Augen der evangelischen Martinsgemeinde wurden sie deportiert.“

Pfarrer Hans Stroh von der Waldkirche am Kräherwald begegnete am 24. April 1942 zwei alten Menschen, die schwere Koffer schleppten. Es waren Juden auf dem Weg zur Sammelstelle auf dem Killesberg. Der Vater einer Konfirmandin, der zu den linientreuen „Deutschen Christen“ gehörte, hatte ihn angezeigt. Strohkam nach einem Verhör durch die Gestapo ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er im Kreis der Stuttgarter Pfarrer von Dekan Lempp mit den Worten begrüßt, keiner der Stuttgarter Pfarrer würde es ihm verübeln, dass er im Gefängnis war.

Hier in Cannstatt wurde 1937 beim Bau der Wichernkirche in den Grundstein eine kupferne Büchse mit der Gründungsurkunde und einem Plakat mit einem Wort Adolf Hitlers eingebaut.

Und: Am 28. Juni 1938 legten alle evangelischen Pfarrer des Dekanatsbezirks Bad Cannstatt das Treuebekenntnis auf den Führer ab.
Die Amtskirche, wir müssen es bekennen, hat sich sehr zurückhaltend bis konform verhalten. Und sie steht auch heute in Gefahr, sich nicht klar und eindeutig gegen nationalistische Parolen und deren populistische Vertreter zu positionieren. Immer mehr fragen sich, ob es denn überhaupt noch eine Kirche in der Gesellschaft brauche. Ich meine ja. Und wenn sie nur der Humus für Humanität wäre, der Nährboden für Menschlichkeit, auf dem immer wieder auch tapfere Zeugen wachsen, die mutig und unter Lebensbedrohung gegen allen Widerstand Mitmenschlichkeit und Menschenrechte einfordern.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Gottesdienst am kommenden Volkstrauertag, 18. November um 11 Uhr in der Pauluskirche in Zuffenhausen hinweisen. Dort wird des Pfarrers Julius von Jan gedacht, der dort fast zehn Jahre in der Gemeinde war. Am Bußtag 1938 hielt er in seiner Kirche in Oberlenningen eine sehr mutige Predigt. Er kritisierte die eine Woche zuvor in der Reichspogromnacht begangenen V erbrechen an den Juden und ihrenEinrichtungen mit den Worten: „Die Leidenschaften sind entfesselt, die GeboteGottes missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten!“

Und draußen auf dem Cannstatter Uff-Kirchhof ist das Grab von Pfarrer Otto Riethmüller. Er wurde hier in Cannstatt geboren und war in Berlin bei der Leitung der ‚Bekennenden Kirche‘ Vorsitzender der Jugendkammer. Einigeseiner Lieder sind im Gesangbuch vertreten, darunter das von ihm während des 3. Reichs neugestaltete Lied „Sonne der Gerechtigkeit“, das gerade heute wieder hochaktuell ist: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit, brich in deinerKirche an, dass die Welt es sehen kann. Weck die tote Christenheit aus demSchlaf der Sicherheit.“ Das ist gewisslich wahr, auf Schwäbisch: De’sch gwießwohr, auf Hebräisch: Amen.

Silva Gingold

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Gedenken der Pogromnacht in Cannstatt!

Ich komme aus einer jüdischen Familie, die von den Nazis verfolgt wurde
und 1933, nach dem Machtantritt Hitlers nach Frankreich flüchtete. Meine Eltern schlossen sich der französischen Widerstandsbewegung, gegen Hitler, der Résistance, an. Mein Vater geriet in die Fänge der Gestapo, wurde schwer gefoltert und konnte nur durch Flucht überleben. Geschwister meines Vaters wurden deportiert und in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

Vor 20 Jahren, zum 60jährigen Gedenken an die Reichspogromnacht, hielt mein Vater Peter Gingold eine Rede, aus der ich zitieren möchte:
„Als uns in Paris die Nachricht ereilte, was sich in dieser Nacht in Deutschland abspielte, hielten wir vor Entsetzen den Atem an. Was uns am meisten entsetzte, dass es von der Bevölkerung in Deutschland hingenommen wurde: Mitten im Frieden: Raub, Plünderung, Geschäfte und Wohnungen zertrümmert, Brandschatz, Totschlag, Mord und Verschleppung Zehntausender jüdischer Menschen. Und die Bevölkerung ging am nächsten Tag ihrer täglichen Beschäftigung nach, als wenn nichts geschehen wäre. Das war eigentlich das Allerschrecklichste.

Es gab keinen Aufschrei des Entsetzens „das lassen wir nicht zu!“ Manche klatschten Beifall, die meisten aber blieben gleichgültig.
Die meisten haben es hingenommen, als vom 9. auf den 10.November 1938 die jüdischen Gebetshäuser in vielen Städten Deutschlands in Flammen aufgingen, die jüdischen Geschäfte und Wohnungen geplündert und zertrümmert wurden, Zehntausende jüdische Menschen wurden in die Konzentrationslager verschleppt, geschlagen, ermordet. Hätte doch wenigstens der nichtjüdische Nachbar gefragt, wo bringen Sie meinen Nachbarn hin, als er von SA-Männern aus der Wohnung geholt wurde?“

Nur Wenige lehnten die terroristischen Angriffe gegen Juden offen ab, und nur einzelne mutige Menschen, stellten sich vor ihre jüdischen Mitbürger, um sie vor der Gewalt zu schützen.
Diejenigen, die protestiert hätten, waren schon seit 1933 verhaftet oder ermordet worden. Als nach dem 9.November 1938 Juden in die Konzentrationslager verschleppt wurden, fanden sie dort die Alteingesessen vor, Antifaschisten, unter ihnen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Christen. Sie hatten schon von Anfang an unter Aufopferung ihrer Existenz und Freiheit Widerstand gegen das Naziregime geleistet.

Der Brandgeruch der brennenden Synagogen kündigte nicht nur Auschwitz an. Der 9.November war die Generalprobe für das weitere gewaltsame Vorgehen der Nazis. Es war der Test, inwieweit die Bevölkerung die Gewalt gegen Juden hinnehmen würde. Sie sollte an Gewalt und Terror gewöhnt und als sog.„Eliterasse“ kriegsbereit gemacht werden für die Eroberung anderer Länder. 10 Monate später begann der 2.Weltkrieg und damit der millionenfache Massenmord.

„Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz“. Wie wahr dieser Ausspruch von Bertold Brecht sein würde, haben meine Eltern noch schmerzvoll erleben müssen. Nie hatten sie es sich vorstellen können, als sie aus dem Exil zurück kehrten, dass in Deutschland, nach all dem, was passiert war, wieder ein Klima des Rassenhasses geschürt, Hetze gegen Juden, Flüchtlinge und Migranten, Menschen anderer Religionen, Andersaussehende und Andersdenkende verbreitet werden könnte. Sie haben es sich nicht vorstellen können, dass Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt und Mitbürger aus rassistischen Motiven ermordet würden.
Sie hätten es nicht für möglich gehalten, dass Politiker heute ungestraft das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnen, die Verbrechen der Nazis bagatellisieren können, dass heute wieder hemmungslos und offen antisemitische Hetze betrieben , der Hitlergruß offen gezeigt werden kann und jüdische Friedhöfe und Synagogen geschändet werden.

Und sie hätten es sich nicht vorstellen können, dass in unserem Land ein Überbietungswettbewerb darüber stattfindet, wer am Schärfsten gegen Flüchtlinge vorgeht. Die Debatten über Asylpolitik in unserem Lande vermittelnden Eindruck, „hier ist nicht von Menschen auf der Flucht die Rede, sondernvon Giftmüll und den entsprechenden Zwischenlagern, die keiner haben will“, so drückte es ein Friedensaktivist aus München treffend aus.
Im ersten Halbjahr dieses Jahres sind weit über 1000 Menschen im Mittelmeer qualvoll ertrunken. Nach den Angaben des EU-Kommissars für Migration sind seit dem Jahr 2000 ca. 35.000 Menschen auf der Flucht an den europäischen Außengrenzen ums Leben gekommen. Anstatt dafür zu sorgen, dass diesem Massensterben ein Ende bereitet wird, diskutieren die politisch Verantwortlichen darüber, wie man sich die Flüchtlinge vom Halse hält. Das ist ein Rückfall in die Barbarei!
Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht. Es entstand als Antwort auf die Barbarei des Faschismus, als Tausenden von jüdischen Emigranten die Einreise in viele Länder verweigert wurde. Und es ist eine Dankesschuld an die Völker, die sie aufnahmen und so vielen deutschen Flüchtlingen das Leben retteten. Als unverzichtbares elementares Menschenrecht wurde daher das Grundrecht auf Asyl im Artikel 16 des Grundgesetzes verankert. Als die Zahl der Geflüchteten in unserem Land stieg, wurde das Asylrecht 1993 eingeschränkt. Und unsere verantwortlichen Politiker in der Regierung höhlen es heute weiter aus und missachten es als Zugeständnis an Rechtspopulisten.
Wer die Migration als die Mutter aller Probleme bezeichnet, der spaltet unser Land. Arme sollen gegen die noch Ärmeren ausgespielt werden. Arme mit deutschem Pass zuerst! Für die ungelösten sozialen Probleme in unserem Land werden die Flüchtlinge verantwortlich gemacht. Aber arme Menschen bekamen keinen Cent mehr, bevor die Flüchtlinge in unser Land kamen. Und würde es ihnen besser gehen, wenn alle Flüchtlinge abgeschoben würden?

Der ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm schrieb in einem bemerkenswerten Zeitungsbeitrag: „Wir die Bewohner der WohlstandsinselEuropa sind die Hehler und Stehler des Reichtums der sog. Dritten Welt. Aufderen Kosten und Knochen haben wir uns bereichert… Die Erste Welt zerstört die Dritte Welt und wundert sich, dass die Zerstörten sich auf den Weg zu denZerstörern machen.“

Mit den todbringenden Waffen, die auch in der Stadt Kassel, aus der ich komme, produziert werden, und den Waffenexporten , an der die Rüstungsindustrie Milliarden verdient, trägt unser Land dazu bei, dass Menschen aus Verzweiflung vor Krieg und Armut fliehen. Sie fliehen in der Hoffnung auf eine sichere und menschenwürdige Lebensperspektive. Wenn die ungeheuerlichen Summen von Geldern, die in eine gigantische Aufrüstung fließen, für Integration, für sozialen Wohnungsbau, für chancengleiche Bildung, für ein besseres Gesundheits- und Pflegewesen und für Klimaschutz eingesetzt würden, könnte sowohl den Geflüchteten als auch den sozial Benachteiligten in unserem Land diese erhoffte Lebensperspektive erfüllt werden. Soziale Gerechtigkeit muss für alle durchgesetzt werden. Sie darf nicht an unseren Grenzen enden.

Mit dem heutigen Gedenken der Naziverbrechen in der Pogromnacht des 9.November mahnen wir, dass Gewalt und Terror gegen Geflüchtete, gegen Menschen anderer Religionen oder Ethnien nie wieder so hingenommen werden dürfen, wie es 1938 der Fall war. Unter dem Motto „Wir sind mehr“, „Ausgehetzt“, „Aufstehen gegen Rassismus“, „Für bunte Vielfalt“ „Ungeteilt“,„Seebrücke“ und anderen mehr haben Hunderttausende Menschen unseres Landes in vielfältigen Aktionen gezeigt, dass sie es nicht hinnehmen, wenn ihr ausländischer Nachbar diskriminiert, kriminalisiert oder gar abgeschoben wird, dass sie es nicht hinnehmen, wenn Menschen im Meer ertrinken müssen, weil ihnen ein Leben in Würde und Sicherheit verweigert wird. Wir nehmen es nicht hin, wenn Gewalt und Terror gegen Geflüchtete verharmlost und die Aufklärung rechtsterroristischer Straftaten behindert werden. Wir nehmen es nicht hin, dass Menschen, die dies alles anprangern, selbst an den Pranger gestellt werden und zur Denunziation gegen sie aufgerufen wird.
Die beeindruckende Solidarität der antirassistischen Bewegungen der letzten Wochen und Monate wie auch die heutige Gedenkveranstaltung machen Mut.

Ich möchte mit den Worten meines Vaters enden: „1933 wäre verhindert worden, wenn alle Hitlergegner die Einheitsfront geschaffen hätten. Dass sie nicht zustande kam, dafür gab es nur eine einzige Entschuldigung: Sie hatten keine Erfahrung, was Faschismus bedeutet, wenn er einmal an der Macht ist. Aber heute haben wir alle diese Erfahrung, heute muss jeder wissen, was Faschismus bedeutet. Für alle künftigen Generationen gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn sie den Faschismus nicht verhindern.“

 

Redebeitrag des AABS (Antifaschistisches Aktionsbündnis Stuttgart & Region):

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

wir stehen heute am Ort der ehemaligen Synagoge nicht alleinig unseres Gewissens wegen. Die Erinnerungskultur, wie wir sie hier in Cannstatt mit anderen organisieren, ist Teil unseres antifaschistischen Selbstverständnisses und Grundlage für die aktuellen Herausforderungen. Wenn wir sagen „Erinnern heißt Kämpfen“, dann meinen wir, dass wir aus der Geschichte lernen wollen und versuchen Bezüge zum Jetzt und Hier herzustellen. Wer sich die Straße und Parlamente in diesem Land anschaut, weiß dass das aktuell so notwendig ist wie lange nicht.

Doch was heißt es heute gegen Rechts zu kämpfen? Wie müssen wir kämpfen, wenn der Gegner mit Rückenwind einen Sieg nach dem anderen einfährt? Reicht es aus den Rechten die Straßen und die Parlamente streitig zu machen? Was müssen wir tun um Ereignisse wie im November ’38 zu verhindern?

Es sind diese Fragen die uns als antifaschistische Bewegung beschäftigen und die wir auch am heutigen Abend in unser Gedenken einfließen lassen sollten. Ohne den Anspruch zu erheben, eine allumfassende Antwort geben zu können, wollen wir an diesen Ort einige Gedanken und Erfahrungen in unser Gedenken einfließen lassen.

Antifaschismus heißt für uns, keinen Meter Preis zu geben:

Natürlich ist es müßig jedes Mal wenn sich die Rechten ankündigen Widerstand zu organisieren. Aber: Es ist richtig. Und: Es ist eine der unabdingbaren Aufgaben unserer Bewegung.
Wie oft haben wir gerade in den 2000er Jahren gegen die damals noch seltenen rechten Aufmärsche von Kameradschaften und NPD mobilisiert und wie wichtig waren genau diese Mobilisierungen um den Strukturen der Faschisten ein Wachstum zu verunmöglichen.

Nur weil eine gesellschaftliche Entwicklung für Dynamik bei den Rechten sorgt, sollten wir als antifaschistische Bewegung nicht auf bewährten Widerstandsformen aus den vergangenen Auseinandersetzung verzichten. Im Gegenteil. Viele unserer Erfahrungen aus dem Kampf gegen NPD und Co. lassen sich auf die aktuellen Herausforderungen übertragen.
Wenn sich Rechte ankündigen, dann überlassen wir ihnen nicht die Straßen und Plätze unserer Städte oder die Gaststätten in unseren Vierteln.

Dass die Linke aktuell keine gemeinsame Antwort auf die Folgen der kapitalistischen Krise findet und die Rechten so im Aufwind sind, daran lässt sich allein mit einer abgesagten oder blockierten AfD-Veranstaltung nichts ändern. Trotzdem sind es genau die Proteste, Blockaden und der alltägliche Widerstand der in unsere Bewegung positiv hineinwirkt, Menschen aktiviert und politisiert. Und es sind diese Ereignisse die dafür sorgen, dass die Rechten eben nicht ungehindert agieren und ihre Strukturen weiter aufbauen können.

Antifaschismus bedeutet viele Menschen für den Kampf gegen Rechts zu gewinnen:

Wir müssen viele sein, um rechten Events flächendeckend mit entschiedenem Widerstand zu begegnen oder in den gesellschaftliche Diskurs zu intervenieren. Für einen nachhaltigen Antifaschismus ist es gerade deswegen unabdingbar, andere gesellschaftliche Gruppen und Kräfte zu sensibilisieren und in den Kampf gegen Rechts einzubeziehen. Das darf, eben wegen der zunehmenden Stärke der Rechten, in unseren Augen aber nicht willkürlich und kopflos passieren.

Gerade der Blick zurück, in die 20er und 30er, zeigt doch: Die so oft geforderte „Zivilgesellschaft“, die heute auch von antifaschistischen Kräften als Heilsbringer angeführt wird, ist auf dem Weg in den Faschismus als politische Kraft von den Ereignissen aufgefressen worden. Sie war nicht in der Lage die gesellschaftliche Rechtsentwicklung aufzuhalten.

Wenn wir heute erinnern, dann auch um aus den Ereignissen damals die richtigen Schlüsse für den Kampf heute zu ziehen. Genau deswegen tun wir nicht gut daran unser alleiniges (!) antifaschistisches Engagement auf die Mobilisierung genau jener, oft fälschlicherweise als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichneten, Schicht zu setzen. Vielmehr sollte es in unseren Augen darum gehen die gesellschaftliche Polarisierung auf Basis der langjährigen Erfahrungen und Erkenntnisse im antifaschistischen Kampf zu nutzen.

Wir setzten daher ganz bewusst darauf, mit klaren Vorstellungen und Angeboten in die gesellschaftliche Anti-Rechts-Dynamik hineinzuwirken. So können wir mit den Menschen, die berechtigte moralische Empörung über Rassismus und rechte Hetze in ein breit aufgestelltes aber klares und nachhaltiges Engagement gegen AfD und Co. umzumünzen.

Antifaschismus muss konkret & konsequent sein:

Dass sich die Dynamik, mit der sich die Sache aktuell nach Rechts, entwickelt nicht mit bloßen Lippenbekenntnissen aufhalten lässt dürfte hier allen klar sein. Ebenso selbstverständlich dürfte sein, dass wir ganz unmittelbar aktiv werden müssen und uns solidarisieren müssen wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens oder Herkunft angegriffen werden. Aber: Beides reicht natürlich nicht aus um den Kampf gegen Rechts zu gewinnen.

Ganz bewusst verwenden wir für diese Auseinandersetzung den Begriff des Kampfes. Nicht etwa weil wir so erpicht auf eine Militarisierung dieses Konfliktes wären, sondern weil es eben um eine vielschichtige Auseinandersetzung geht an deren Ende natürlich die unmittelbare Schwächung und das Zurückdrängen rechter Kräfte steht. Die Notwendigkeit auf verschiedenen Ebenen zu handeln ergibt sich eben genau aus dieser Zielsetzung.

Dass Faschisten und Rechtspopulisten konkreten Gegenwind erfahren, ist in unseren Augen nötig wenn es darum geht, geistige und handfeste Brandstifter in die Schranken zu weisen. Die Mittel dieses Kampfes können sich logischerweise nicht an den Vorstellung eines Staates und seiner Institutionen orientieren, der den NSU hervorgebracht hat und nach ’45 die Faschisten in Justiz, Geheimdienst und Polizeiapparat integrierte.

Flagge zeigen und mehr zu sein reicht einfach nicht aus. Bei aller Euphorie von #wirsindmehrund Co. ist uns doch allen bewusst, dass ein Hashtag zwar für kurze Zeit die Medien bestimmen kann, letztlich aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Das Problem ist ja nicht, dass es zu wenig greifbare Kritik an der Rechtsentwicklung gibt. Das Problem ist, dass es weder einen flächendeckenden konsequenten Kampf gegen Rechts gibt und das wir den Menschen noch nicht genügend Alternativen jenseits von Hetze und Rassismus bieten können.

Antifaschismus ist aktueller denn je:

In Zeiten der Krise gilt es einmal mehr, alles dafür zu tun, damit die Menschen, die berechtigte Ängste haben nicht den Rechten auf den Leim gehen. Antifaschistisch zu kämpfen bedeutet ganz direkt darüber aufklären, dass rechte Politik keine Verbesserung für den Großteil der Menschen bringt, sondern die sozialen Probleme weiter verschärft.

Geflüchtete und andere gesellschaftliche Minderheiten sind weder Ursache noch Auslöser von gesellschaftlichen Missständen. Es ist die Form wie diese Gesellschaft aufgebaut und organisiert ist, nämlich nach kapitalistischen Prinzipien. Das dürfen wir nie vergessen.

Schließlich war es genau diese Gesellschaftsform und ihr Streben nach Profit, die den deutschen Faschismus und damit auch die Ereignisse vom 9. November 1938 möglich gemacht hat.

Wenn wir daran erinnern, dann natürlich um im Hier und Heute zu kämpfen. Gegen die Hetze von Rechts, aber auch für eine andere, eine solidarischere Gesellschaft. 20 Jahre vor den Novemberpogromen ist der Aufbruch für eine ebensolche Gesellschaft in Deutschland gescheitert. Die Revolution im November 1918 war der Versuch, den Nährboden für rechte Politik auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Dass das nicht gelungen ist, heißt noch lange nicht das es nicht möglich ist. Notwendig ist es in Anbetracht der weltweiten Rechtsentwicklung allemal.

Es ist an uns allen, jeden Tag entschieden gegen Rechts und für eine bessere Welt zu kämpfen. Danke, dass ihr gekommen seid und danke für euere Aufmerksamkeit!

Advertisements